Plädoyer für ein freundlicheres Deutschland
Seit fast zwei Monaten bin ich wieder in Deutschland. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich mich doch ziemlich schnell wieder an mein altes und neues Leben gewöhnt. Ich freue mich ehrlich wieder hier zu sein, bei meiner Familie und meinen Freunden. Mit dem kühleren Klima habe ich mich abgefunden und sogar mit der Tatsache, dass nicht der Ozean vor meiner Haustür Wellen schlägt, sondern nur der Maschsee.
Aber…
Aber diese Deutschen! Die Welt achtet uns für Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Fleiß. Die WM im eigenen Land – zu Gast bei Freunden – hat unser globales Image mächtig verbessert. Freundlich ist der Durchschnittsdeutsche deswegen aber noch lange nicht. Und würde es eine WM im Meckern geben, würde unser Volk sie mit Abstand gewinnen.
Bei wunderschönstem Frühlingswetter war ich gestern in einem Biergarten am Maschsee. Das Personal hat trotz Selbstbedienung alle Hände voll zu tun. Die Schlange ist lang, die Wartezeit dementsprechend auch. Aber die Sonne scheint und wer steht an einem Sonntagnachmittag wie diesem unter Zeitdruck?
Anscheinend jeder. Jedenfalls können es die Leute vor und hinter mir in der Schlange nicht lassen, sich durchweg über den schwerfälligen Service zu beschweren. Mit drei Angestellten ist die Bedienung sicherlich unterbesetzt, dennoch keinesfalls langsam. Die gesamte Wartezeit hindurch versuche ich, das Gemecker zu ignorieren. An der Kasse platzt mir leider die Hutschnur.
Der ältere Herr vor mir zur Frau an der Kasse: „Wenn sie mich jetzt fragen, was ich gerne hätte, würde ich sagen: Eine schnelle Bedienung. Aber das ist hier ja leider nicht möglich.“ Über diesen Satz hat er bestimmt die gesamten zehn Minuten, die wir anstanden, nachgedacht. Entgegen meines Vorsatzes muss ich mich nun doch einmischen:„Meine Güte, dieses Rummeckern ist furchtbar! Es zwingt Sie doch niemand, hier etwas zu konsumieren."
Zum Glück kommt es nicht zum großen Streit. Dafür ist er einfach zu perplex. Obwohl er noch eine Weile auf seine Getränke warten muss, hört er auf mit Schimpfen. Einen einzigen Kommentar wagt er noch, an die Dame vor ihm gerichtet, mit der er sich während der Wartezeit lebhaft über den schlechten Service ausgetauscht hat: „Das dauert mit den Getränken. Aber dazu dürfen wir ja jetzt nichts mehr sagen.“ Er schielt zu mir herüber.
Richtig so! Im Stillen proste ich ihm zu: Auf mehr Freundlichkeit und Gelassenheit in Deutschlands Biergärten.

